Antisemitismus teilt viele Merkmale, Mechanismen und Erscheinungsweisen mit anderen Diskriminierungsformen. Ebenso wie bei Rassismen, Frauenhass (Misogynie) oder Homo- und Transfeindlichkeit sind die Ursachen nicht bei den Diskriminierten – also hier bei Jüdinnen und Juden – zu suchen, sondern auf Seiten jener, die herabwürdigen und diskriminieren bzw. Gruppen kollektiv zu „Anderen“ machen („Othering“).
Antisemitismus unterscheidet sich von anderen Ressentiments jedoch in seiner Funktion als Welterklärung: Er erlaubt es, potentiell jede negativ bewertete gesellschaftliche Entwicklung auf das angebliche geheime und böswillige Agieren einer vorgestellten machtvollen jüdischen Elite zurückzuführen. Häufiger als andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit äußert sich Antisemitismus daher nicht nur in direkten Anfeindungen, sondern auch in Einstellungen und Aussagen zu Themen, bei denen gar kein Bezug zu Jüdinnen und Juden besteht (z.B. in Verschwörungserzählungen um die Covid-19 Pandemie).
Eine schnelle Übersicht über antisemitische Codes und Verschwörungsnarrative bietet das Merkblatt von „an-allem-schuld“. Ausführlichere Informationen liefert Michael Butter in seinem Text „Antisemitische Verschwörungstheorien in Geschichte und Gegenwart“ (bpb).
In Österreich ist Antisemitismus zudem eng mit dem Nationalsozialismus und der Shoah (eine Bezeichnung für den Holocaust an der jüdischen Bevölkerung, abgeleitet vom hebräischen Wort „Katastrophe“) verbunden und zeigt sich häufig als sogenannter „sekundärer Antisemitismus“. Sekundärer Antisemitismus manifestiert sich als Abwehrreaktion auf Erinnerungskultur und historische Verantwortung, u.a. in Form von Schuldabwehr, Relativierung der Shoah, Abwehr von Gedenkpraktiken oder einer Täter-Opfer-Umkehr.
Verschärft hat sich seit dem Überfall der islamistischen Terrororganisation Hamas auf israelische Zivilist:innen am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg vor allem der israelbezogene Antisemitismus (zur Abgrenzung gegenüber Kritik an der Politik Israels vgl. die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance, IHRA). Grob lassen sich in dieser auf den Staat Israel bezogenen Form des Antisemitismus vier Mechanismen beobachten:
Israelbezogener Antisemitismus
1
Die Aktualisierung antisemitischer Stereotype und Narrative (beispielsweise Ritualmordlegenden) in der Formulierung und Illustration von Aussagen, die der Intention nach als Kritik an der aktuellen israelischen Politik gedacht sind (z.B. Vorwurf des „Kindermordes“).
2
Die Ablehnung der Existenzberechtigung des jüdischen Staates (z.B. durch die Parole „From the River…“) bzw. das Anlegen doppelter Standards, d.h. eine ungleiche Bewertung Israels im Vergleich zu anderen Staaten (z.B. Absprechen des Verteidigungsrechtes
3
Die Gleichsetzung von Kritik an der israelischen Regierung mit der Ablehnung des Staates Israel und deren Übertragung auf Juden und Jüdinnen. Jüdische Israelis, aber auch Juden und Jüdinnen in der Diaspora werden dann als vermeintliche Repräsentant:innen angegriffen.
4
Die Weigerung terroristische Gruppierungen – allen voran die Hamas – als antisemitisch zu bezeichnen und sie und ihre Taten (als terroristisch) zu verurteilen.
Selbstverständlich treten in der (schulischen) Realität unterschiedliche Formen von Antisemitismus gemeinsam auf (z.B. im die Shoah relativierenden Vorwurf, Israel behandle die Palästinenser:innen wie seinerzeit die Nationalsozialist:innen Jüdinnen und Juden behandelt hätten, oder in der Behauptung, Jüdinnen und Juden würden aus einer „Holocaust-Industrie“ Kapital schlagen, in der sich das traditionelle Stereotyp jüdischer wirtschaftlicher Übermacht mit der Schuldabwehr verbindet).
Zentral für den institutionellen Umgang ist, dass Antisemitismus in allen Fällen entschieden und rasch entgegengetreten werden muss. Das gilt auch, wenn (soweit der Schule bekannt) keine jüdischen Betroffenen anwesend sind. In einem zweiten Schritt kann im Sinn einer längerfristigen Bearbeitung mit Angeboten aus dem Bereich der antisemitismuskritischen Bildung reagiert werden, die den unterschiedlichen Formen Rechnung tragen. Holocaust Education stellt dabei einen sehr wichtigen, aber nicht ausreichenden Teil dar.

Arbeitsdefinition von Antisemitismus (IHRA)
Berichte der Antisemitismus-Meldestelle (IKG Wien)
Was ist israelbezogener Antisemitismus? (Amadeu Antonio Stiftung)
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